Chora

Noch nie bin ich auf einer griechischen Insel gewesen, auf der Mopeds so sehr das Leben bestimmten. In der Chora fuhren sie hoch und runter, von Livadi hoch und zum Hafen Pera Gialos hinunter und hin und her. Für Fußgänger ist es also nicht so einfach auf der abgelegenen Insel zwischen den Kykladen und dem Dodekanes, einer Insel, von der einige Bekannte sehr geschwärmt hatten.

Mitten im Dunkel der Nacht kam die Blue Star im Hafen Agios Andreas an, mitten im Nichts. Ich war froh, dass ich meine Jacke anhatte, denn es war kalt, und dass ich im Schutz eines Lkws Maria sofort fand, die mich auf verschlungenen Wegen mit zu ihren Studios am Strand von Livadi nahm, wo ich den Koffer abstellte und mich unter der Decke des Bettes verkroch.

Morgens schien die Sonne, Maria war schon wieder wach und brachte mir Karten der Insel und ein Risogalado zur Begrüßung. Zu Fuß machte ich mich zur Chora hinauf, fünfzehn Minuten die Serpentinen hoch, und wurde von Mopeds und einigen Autos überholt. Die Aussicht auf das Kastell mit der Panagia Kastrou beeindruckte mich den ganzen Weg über. Schon etwas erschöpft erreichte ich die Ebene mit den roten Windmühlen und genoss die Ruhe und den Blick hinunter zum Strand. Zum Frühstücken kehrte ich am Ende der Hauptgasse im alten Kafeneion Oi Myloi ein und setzte mich auf die Terrasse hinter dem Gastraum, schaute auf den alten Hafen hinunter und bekam ein leckeres Omelette und einen frischen Orangensaft und kehrte später immer wieder dort ein. Abends saß ich neben vielen anderen an der Straße und genoss Kaffee und Atmosphäre der wunderschönen einsamen und leeren Insel.

Den Weg hoch zum Kastell unternahm ich mit der Mittagssonne und fand mich im Geflecht der Gassen schnell zurecht. Vom Kastell aus hat man einen schönen Überblick über die Chora und das Meer.

Die weißgekalkten Häuser ließen mich an Kykladeninseln denken, obwohl ich wusste, dass Astypalea zwischen den großen Inselgruppen lag und zum Dodekanes gezählt wurde, mich aber beim Blick auf die kargen, runden, braunen Bergrücken etwas an den Süden von Kreta erinnerte.

Beim Abstieg zur Windmühlenebene verstand ich, warum Reisende vor mir so viele Motive für ihre Fotosammlung gefunden hatten.

Am nächsten Morgen fuhr ich den steilen Weg zum alten Hafen Pera Gialos hinunter und musste dabei natürlich entgegen kommenden Mopeds ausweichen. Unten im Hafen besorgte ich mir das Ticket für die Weiterreise und erfuhr, dass die Blue Star im Niemandsland des neuen Hafen Agios Andreas anlegt, um für die Reederei 30 Minuten Zeit pro Richtung zu sparen. Schade, so entging den Menschen dieses Spektakel. Im Hafen war wenig los, selbst in dem bunten Café saßen nur drei junge Griechinnen, doch Frühstück gab es leider nicht.

Abends kehrte ich meist im viel gelobten Barbarossa ein. Dort war es etwas geschützter zu sitzen als im Agoni Grammi oder im Ageri. Seit Kreta hatte ich kein Kleftiko mehr gegessen. Es war lecker. Auch die gefüllten Zuchini am anderen Abend mit Eis vom Haus als Nachtisch kann ich nur empfehlen. Danach bummelte ich durch die Gassen und setzte mich an die Straße gegenüber vom Myloi und trank einen Espresso und sah den wenigen Menschen zu, die im Mai den Abend hier verbrachten.

Am letzten Morgen erlebte ich noch, wie schwierig es ist, in dem engen Gassengewirr zu bauen oder zu renovieren. Der Betonmischer musste zentimetergenau manövrieren, um nah genug an die Baustelle zu kommen. Mir schien, als ob es genug Arbeit gab in der Chora. Abends wirkten die Männer vorm und im Myloi zufrieden. Die Saison konnte beginnen.