Herbst in Limni

Wir flogen mit einem komischen Gefühl Ende September nach Athen. Die Meldung von Ende Juli, bei Limni würde es brennen, hatte mich kalt erwischt. Der Ort hätte fast evakuiert werden sollen, doch nach einigen Tagen hatte es Entwarnung gegeben.

Immer mal wieder haben wir in den über 30 Jahren, in denen wir Griechenland besuchen, Feuer brennen und ihre Folgen z.B. auf Rhodos oder der Chalkidiki mit eigenen Augen sehen können, auf Euböa nur ganz oben auf der Halbinsel Lichada.

Der Brand in Limni sei im Süden gewesen, hörten wir beim Telefonat. In Limni wäre es wie immer.

Wir beschlossen, einige Tage in Rovies zu wohnen und dann weiter zu sehen. Ramona war erfreut über den Sitzkomfort von SwissAir, die schnelle Gepäckabfertigung in Athen und die problemlose Übernahme unseres Toyotas. Wieder zeigte Athen das Gesicht der letzten Jahre, Nieselregen bei der Durchfahrt. Aber es wurde besser, kein Stau in Nea Artaki hinter Chalkis auf Euböa, und dann auf in den Berg, Serpentine um Serpentine. Wir waren überrascht, als Baustellenschilder auftauchten. Doch keine kaputte Straße, die kam später, sondern ein mehrere Kilometer langer Ausbau einer dritten Spur.

Als wir hinter Mantoudi waren, erwarteten wir hinter jeder Kehre abgebrannte Wälder zu sehen, alles war jedoch grün wie immer. Erst kurz vor Limni erkannten wir auf einer Gebirgskette etwas braunen Schimmer.

Wir fanden in Rovies ein großes Appartment direkt am Meer, gingen baden und fuhren abends zum Essen nach Limni. Die Freude im Platanos war groß, wir waren zwei Jahre nicht da gewesen. Die Umarmungen von Nikos, Evi und Jannis waren sehr herzlich. Für eine Minute stand der Betrieb still. Wir bekamen sofort Zaziki, Brot und eine Karaffe mit Wasser. Ein neuer junger Kellner namens Jonas sprach Deutsch und dolmetschte das wichtigste. Das Restaurant war für Ende September gut besucht. In diesem Jahr bestellten wir mal nicht zuviel am ersten Abend, Patates und zwei Spieße, dazu Paputzakia und Rosé vom Haus. Wir waren zufrieden und etwas müde. Avrio, meinte Nikos. Avrio!

Am nächsten Abend waren wir früher da. Ein langer Tisch unter der Platane war mit einer britischen Studentengruppe belegt. Und das Ende September. Das Geschäft lief. Wir bummelten die Straßen entlang, Am Taxiplatz an der Kirche hatte in einem ehemaligen Minimarket ein Grill aufgemacht, der von jungen Leuten gut besucht war. Sonst konnten wir keine großen Veränderungen feststellen. Jugendliche liefen mit Spießen in der Hand herum. Sie trugen wie wir schon Jacken, weil es etwas frisch geworden war. Vom Brand wollte keiner groß reden. Avrio. Wir setzen uns nach nebenan ins Café Giannaros. Außer uns saßen nur Frauen draußen. Espresso und Frappé waren lecker. Der „Black Forest“ törnte uns dieses Jahr nicht so an.

Als am Sonntag der Himmel bedeckt war, machten wir uns auf in den Süden hinter den Hafen, direkt unten am Berg entlang.

Das Feuer war oben bis über den „Limniberg“ gekommen, hatte aber Sportplatz und Schule nicht mehr erreicht. Als wir um die Ecke hinter den ersten Gipfel bogen, ahnten wir das wirkliche Ausmaß. Der Brand war bei der alten Fabrik bis hinter dem neuen Hotel Kaminos Resort, was im Juli evakuiert worden war, zum Stillstand gekommen. Was für ein Wunder, an dem Hunderte Feuerwehrleute, Helfer und Wasserflugzeuge mit ihren Piloten mitgewirkt hatten. Auch das letzte Restaurant einige Hundert Meter weiter, das Astron, stand noch. Einer der Kellner berichtete mir von der Angst der Bewohner und der Hoffnung auf Rettung. Weil der Wind irgendwann gedreht hatte, blieb die Taverne ohne größere Schäden. Sie war voll im Betrieb und zum Mittagsgeschäft gut besucht, wie wir sahen.

Auf dem Weg weiter zum Kloster Galataki sahen wir dann das volle Ausmaß. Das Feuer war über die Straße bis ans Meer gekommen. Dort waren keine Einsätze mehr geflogen worden. Einzelne ältere Häuser waren völlig zerstört. Das Feuer soll im Innern der Insel in der Nähe von Farakla an drei Stellen gleichzeitig aufgeflammt und sich dann in einer Walze von acht Kilometern Breite nach Süden Richtung Limni durchgefressen haben. Es soll eine Fläche von 22km² zerstört haben. Das sind etwa 30000 Fußballfelder. Wir drehten irgendwann um, weil wir uns ziemlich hilflos vorkamen. Abends erfuhren wir von Gerüchten, dass der „Holzhandel“ oder die „Windradmafia“ dahinter stecke. Die Limnianer hatten sich mit dem Status Quo abgefunden und waren nur froh, dass sie und ihre Stadt noch einmal davongekommen waren.

Als Tagesgericht aus dem Ofen gab es abends Pastizio. Der Vlita dazu war lecker. Als wir gerade noch bei Jonas zwei Spieße bestellt hatten, stellte Nikos leckeres Spanferkel und heiße Patates auf den Tisch. Manchmal liebe ich Griechen. Und als er dann noch mit seinem Kokossirupkuchen um die Ecke kam, hatte der Tag einen guten Abschluss.

Ein Besuch auf unserem alten Platz durfte nicht fehlen. Die Abende wurden frischer, Kinder rannten durchs Lokal, junge Hunde tollten bei den „Alten“ herum, wir aßen uns noch mal lecker durchs Tagesangebot und versprachen, bald wiederzukommen.

Bei Giannaros noch ein letztes Ekmek Kataifi und Tschüs.