Septembertage in Rovies

Die Straße von Limni nach Rovies war hinter Chronia viel schlechter geworden. Fast überall hatte sich in den vergangenen Sommern die Fahrbahn deutlich verschoben. Ich fuhr meist 50. Nur wenige Fahrzeuge waren unterwegs. Rovies empfing uns mit bedecktem Himmel. Um so mehr freuten wir uns, als unser großer Balkon in dem Haus direkt am Meer in der Abendsonne lag. Schnell packten wir aus und besuchten den schmalen steinigen Hausstrand und nahmen ein längeres Bad im Meer. Als dann nebenan zwei Fischer ihr Boot zu Wasser ließen, gingen wir duschen.

Stavroula hatte uns herzlich willkommen geheißen. Das letzte Mal waren wir vor zehn Jahren hier gewesen. Nun waren wir ihre einzigen Gäste. Sie meinte, einige Tavernen hätten abends noch offen, sicher die Pizzeria in der Nähe. Das stimmte, doch sie war total leer und bald nur noch samstags geöffnet. Wir kauften kurz ein und sahen an der Strandstraße etwas Licht im Litsa, es war ein Tisch besetzt. Uns wurde klar, dass wir unsere Abende besser in Limni verbringen würden.

Das Meer war nachts sehr laut gewesen. Ich holte frisches Brot von meinem Lieblingsbäcker in der Nebenstraße und wir frühstückten mit Eiern, Graviera und Honig auf dem Balkon. Die Sonne kam heraus und Jannis lieh uns zwei seiner Campingstühle für den Herakles-Strand, doch er warnte uns, am Strand entlang zu fahren. Der Weg wäre nach hohem Wellengang in den letzten Tagen höchstens für Trecker befahrbar.

Also nahmen wir den Weg durch die Gärten und kamen hinter dem West ans Meer, holten uns im Yialou zwei Frappé und fanden unter den Bäumen unseres beliebten Strandabschnitts ein griechisches Paar mit Bulli und eine Hündin mit vier Jungen vor, die unsere Strandnachbarn wurden. Im Wasser war es toll, wir lasen und dösten und sahen den jungen Hunden beim Spielen zu. Sie waren eine Abwechslung beim sonst ruhigen Strandleben. Ich war bald so entspannt, dass ich mir einen leichten Sonnenbrand zuzog. Stavroula überraschte uns zuhause mit einem Käsekuchen, eher einem Jogurtikuchen. Er war saftig und lecker. Wir lieben griechische Gastfreundschaft.

Abends war das Meer wieder ruhig. Wie in Chronia früher konnte man den kleinen Fischerbooten in der großen Bucht zusehen, die im blauroten Dämmerlicht unterwegs waren. Auf dem Balkon gingen wir unseren Lieblingsbeschäftigungen nach, lesen, rätseln, aufs Meer gucken.

Leider war es von da an mit ruhigem sonnigen Wetter vorbei. Es wechselten sich Wolken, Wind und leichter Niesel ab. Wir fuhren trotzdem immer zum Herakles und, wenn es windig war, zurück zum Hausstrand. Stavroula meinte, an so einem Tag hilft nur Tiropita. Wir genossen ihre Freundlichkeit und ließen sie uns schmecken. Hab ich schon mal was von Gastfreundschaft erzählt?

Die Temperaturen näherten sich der 20-Grad-Marke. Bei einem Spaziergang durch Rovies am Sonntag kam mir der Ort wieder sehr grau vor, mit Limni nicht zu vergleichen und mit Kykladendörfern schon gar nicht. Früher hatte Rovies auch abends eine Faszination gehabt, wenn wir in den Tavernen am Meer gesessen hatten, doch sie waren alle seit Ende August dicht. Klar, in diese Ecke Euböas kommen fast nur griechische Touristen, selbst am Herakles standen keine Wohnmobile mehr. Auch zum Baden am Wochenende verirrte sich außer uns und dem griechischen Paar mit den Hunden niemand.

Rovies war anscheinend schon auf den Winter vorbereitet. Überall sahen wir große Stapel mit Holz zum Heizen. Wir fuhren nach Norden an der Olivenölfabrik vorbei, wo die Landwirtschaftliche Genossenschaft Öl und Paste herstellt, und hofften, bald auf die Straße nach Loutra Ädipsos zu kommen, denn wir wollten mittags in Ilia sein, dem kleinen Dorf direkt am Meer, dessen Lichterkette wir abends von unserem Balkon gut erkennen konnten. Der Weg führte durch Olivenhaine, bis uns ein Bauer anhielt und erklärte, wir wären total falsch. Dabei waren wir genau früher von hier gekommen, um über Rovies nach Limni zu fahren, als es den „Highway“ noch nicht gegeben hatte. Also zurück zur Fabrik und hoch zur Straße.

Ilia lag bei unserer Ankunft ebenfalls verlassen da, kaum Boote im Hafen, ein Bulli aus Hannover drehte auf dem Parkplatz um und fuhr zurück. Die Fischtavernen sahen mittags geschlossen aus, so konnten wir uns nur Frappé im Kafeneion Akti gönnen und nahmen, weil Wind aufgekommen war, unser Bad lieber an unserem Hausstrand als in Ilia.

Am späten Abend gab es das typische Rovieserlebnis, das Licht ging aus, der Strom war weg, Rovies lag im Dunkeln. Vom Balkon aus sahen wir, Ilia war noch erleuchtet. Gut, dass unsere Taschenlampen griffbereit waren. Wie in alten Zeiten lasen wir noch etwas im Lampenschein.

Am frühen Morgen war der Strom wieder da. Doch der Nieselregen auch. So beschlossen wir, nicht nach Skopelos oder Skyros überzusetzen, sondern besseres Wetter im Süden des Peloponnes zu suchen.

Wir verabschiedeten uns von Stavroula, Jannis und dem grauen Dorf am Meer und machten uns auf die lange Fahrt. Hinter Mantoudi wurden auf den Straßenständen schon Kürbisse verkauft, der kleine Fluss nebenan führte reichlich Wasser. Mal wieder ohne Stau durch das wunderschöne Nea Artaki, doch vorher wurden wir noch mitten durch Psachna geführt, irgendetwas muss in Euböa schieflaufen. Die Autobahnfahrt war easy, der Stapel an Mautzetteln wurde dicker, wir hatten das Gefühl, zwischen Athen und Korinth hätten sich die Tunnel vervielfacht, doch das war wohl ein Irrtum. Auf der Kalamatautobahn kamen wir bei strahlendem Sonnenschein gut voran. Wir freuten uns, es wurde deutlich wärmer.

Nun noch durch den geliebten griechischen Großstadtverkehr von Kalamata und dann Richtung Mani.