Folegandros - eine Insel für's Auge

Das Ankommen im Dunkeln in einem unbekannten Hafen überrascht mich jedes Mal wieder. Erst mal den Pullover ausziehen, der Klimaanlage des Seajets entkommen. Draußen war es warm, Kleinbusse holten Gäste ab. Der Inselbus ist bei jedem Schiff da, hatte Leila geschrieben. Nur blöd, dass er schon weg war. Mit mir standen da nur noch eine Familie aus Norwegen und ein junger Mann, der Deutsch sprach. Er gehe erst mal was essen in einer der Hafentavernen und nehme den späten Bus. Ich rief ein Taxi, das einzige Inseltaxi, wie ich erfuhr. Nach 20 Minuten kam es und brachte uns hoch zur Chora. Vor uns scheuchte ein Wagen mit Warnblinkanlage zwei Ziegen von der Straße ins Dunkle. Ich stieg vor dem Antheia aus, Leila hatte auf mich gewartet und zeigte mir das Zimmer, leider im Erdgeschoss, gab mir das Passwort für das Wifi und war weg. Ich hatte Hunger.

Nach etwa zwei Minuten ohne Menschen auf der Straße war ich auf der ersten Platia hoch über Steilküste, dann noch um die Ecke, und ich war in einer anderen Welt. Es war Mitte Juni und die Chora war voller Menschen. Ich war hungrig und leicht überfordert. Die großen und kleinen Tische waren voll mit Familien oder Freunden besetzt. Erst am Rande der Platia Kontarini fand ich einen kleinen freien Katzentisch im Chic. Erschöpft ließ ich mich nieder. Bitte ein Alfa! Ich hatte auf dieser Reise die verschiedenen Geschmäcker von Suzukakia wieder entdeckt, also dazu einen Misotsatsiki. Ich sah den gut gelaunten Gästen im Lokal und auf der Platia zu und kam runter. Das Essen wurde gebracht und war total lecker. Nun ging es mir besser. Ich war zufrieden, aber müde. In einem kleinen Laden kaufte ich Cola und Bier und machte mich auf den Weg zurück. Natürlich verlief ich mich in dem Gewusel, schließlich fand ich zum Chic zurück, wo mich ein freundlicher älterer Folegandriner namens Kosta durchs Gewirr bis zur Platia Pounta brachte, von wo ich den Heimweg fand. Das Bett war klasse, ich schlief wie ein griechisches Murmeltier.

Am nächsten Morgen nahm ich Zimmer und Bad wahr und war sehr zufrieden. Die Terrasse war zwar klein, aber schattig und kühl. Vorm Pounta saßen Leute beim Kaffee. Ich ging in den Garten, alle Plätze waren besetzt, ein gutes Zeichen. Also nahm ich vorm Haus an der Platia den letzten freien Tisch im schmalen Schatten. Es wurde wärmer und ich konnte Leute gucken, die zur berühmten Mauer gingen, um erste Fotos zu  machen. T

Dakos und Kaffee schmeckten gut. Die Gitarrenmusik von Roberto Lara passte zum Ort und zum Morgen.

Dann machte ich mich auf den Weg zur ersten Fototour und erlebte viel von der Farbenpracht, die mir am Abend verborgen geblieben war. In den Cafes und Tavernen wurde gefrühstückt, aber die Menschenmassen des vergangenen Abends waren verschwunden.

Ich fand den Weg gleich rechts ins Kastro und war von Licht und Stille fasziniert. Das alte Stadtviertel war kleiner, als ich es erwartet hatte. Schon nach wenigen Metern war man im kargen Feld hoch über dem Meer. In Ruhe erkundete ich die Nebengassen der Platias.

Mir begegneten junge Leute mit Badetaschen und Schirmen auf dem Weg zu den Bussen, die zu den wenigen Stränden fahren sollten. Auf der Platia Pounta setzte ich mich im Artemis an „der Mauer“ zu Evi und bestellte mir einen Espresso. Single, schien ein neues griechisches Wort zu sein.  Evi hätte mir gern ein günstiges Zimmer mit Meerblick angeboten und war erstaunt, dass ich nur drei Nächte bleiben wollte. Sie lebte eigentlich in Thessaloniki und war nur im Sommer hier. Im Winter sei die Chora „closed“. Also alles nur eine Inszenierung, aber eine schöne, erinnerte mich ein wenig an Santorini, nur viel kleiner. Gäste kamen nicht mehr, das Punta gegenüber machte über Mittag zu und ich lieber Siesta. 

Gegen fünf machte ich mich wieder auf und setzte mich neben dem Araxe am Rande der Platia Dounavi in den kühlen Schatten der Cafebar ParasAgas. Im Hintergrund lief leise französische Barmusik . Das Cafe schien relativ neu zu sein. Kosta brachte mir zum Frappé einen leckeren Schokokuchen mit Creme. Ich war begeistert und sagte es ihm. Er freute sich sehr. Auch er war nur von Mai bis September in der Chora und lebte im Winter in Athen. Mit dem ParasAgas hatte er sich wohl einen Lebenstraum erfüllt, denn auch sein frischer Orangensaft war erstklassig und im Mixer sehr cremig hergestellt. Ich fühlte mich sehr wohl. Abends saßen hier nur junge Leute, wohl Touristen, meist Italiener und Franzosen, während die alten Männer ihren Kafeneions die Treue hielten.

Ich machte einen Spaziergang hoch zur berühmten Panagia und kehrte auf halbem Wege wieder  um. Mir war sehr warm, ich schwitzte und musste meine Knie schonen. Vielleicht avrio. Als die Sonne unterging, war auf der Platia Pounta nur wenig los. Ich setzte mich mit einigen Frauen und einer Katze auf die Stufen, genoss die Ruhe und erlebte einen stimmungsvollen Moment auf dieser merkwürdigen Insel.

Abends gab es wieder volles Programm. Die Platias waren voll. Französisch und Italienisch übertönte die Musik. Wo wohnten die Menschen nur alle? Und was würde erst im August los sein? Ganz am Ende einer Nebengasse fand ich noch einen freien Tisch im Spitiko. Das Essen war lecker, Bandnudeln Matsata hatte ich noch nirgendwo bekommen. Vorher gab es noch Melitsanasalata zu meinem Misotsatsiki vom Haus und zum Nachtisch noch Halwa. Spitiko ist eine Taverne zum Empfehlen.

Vorm ParasAgas trank ich noch bei Kosta einen Espresso und dachte, eine geile Idee wäre, von Naxos aus abends mit dem Helicopter nach Folegandros zum Essen zu fliegen. Wie wird es mit Folegandros wohl weitergehen?

Ich faulenzte  weiter, erkundete die Chora  und die Umgebung, kaufte mir ein Fole-T-Shirt und aß den saftigen Orangenkuchen Portokalopita bei Kosta. Nebenan war eine Schweizerin angekommen, eine langjährige Santorini-Freundin und wollte dreieinhalb Wochen bleiben. Nun ja, Geschmäcker sind verschieden. Ola kala, ich nahm im Chic noch mal ein saftiges Kotopoulo Safran zu mir und schloss den letzten Abend mit einem großen Ouzo vorm ParasAgas ab.

Am Morgen brachte mich der Inselbus hinunter zum Hafen Karavostasis, der im hellen Licht auf einmal viel freundlicher wirkte als bei der Ankunft. Eine Polizistin sorgte bei der fast gleichzeitigen Ankunft von Seajet und Androsjet für Spaß und Chaos. Die wenigen Reisenden mussten den Schatten verlassen und in der Hitze warten. Was eine Uniform sogar bei griechischen Frauen ausmacht!

Byebye Fole. Irgendwie schön bunt und - doch: Bis bald.