Ein Regentag in Loutrò

Die Morgenfähre hatte mich von Chora Sfakion bei heftigem Wind und dunklen Regenwolken in das kleine Dorf am Ende von Europa gebracht, das man nur zu Fuß oder mit Schiff oder Boot erreichen kann. Junge Männer mit Schubkarren holten Nachschub für die Tavernen und Cafes aus dem Schiff. Fünf Minuten später legte die Samaria I ab nach Agia Roumeli mit wenigen Wanderern an Bord.

Am Anleger stand ein Anschlag am Tickethaus, dass die Mittagsfähre heute ausfiele. Ich fragte die junge Frau hinter dem Schalter: “Sorry, today no ship at twelve?“ “No, the next one at eighteen.Sorry!” Als ich meinen Rundgang unter den ersten Markisen der Cafes und Restaurants begann, setzte leichter Nieselregen ein. Loutro ist ein etwa 500 Meter langes Dorf aus weißen Häusern mit überwiegend blauen Fenstern und Türen in einer halbkreisförmigen Bucht. Eine Straße führt nicht nach Loutro, Autos sind nicht zu sehen. Ein Artikel von Karin Ceballos Betancour im Merianheft7/2010 über einen Besuch im Sommer hatte mich begeistert und „sehnsüchtig“ gemacht.

Ich schaute auf das grüne Meer und danach in den Himmel. Es klarte etwas auf. Ob ich heute wohl doch noch an den kleinen Kieselstrand oder ins Wasser könnte? Bei meinem Gang durchs Dorf wurde ich gelassener, machte Fotos und kehrte auf dem Rückweg im Notos ein, einem kleinen Cafe, das etwa auf der Hälfte des Rundgangs lag. Der Frappé war gut und das Sudoku schwer. Mein Blick auf das Meer wurde ruhiger, die Musik im Hintergrund war unaufdringlich, das Rätsel ging mir plötzlich locker von der Hand. Am Nebentisch führte Wirt Nikos auf Englisch ein Gespräch mit einem deutschen Paar über Griechenlands Probleme, die Bankenkrise und das Steuersystem. Ich hörte bald nicht mehr zu, sondern schaute nur noch auf das dunkelgrüne Wasser. Ich döste vor mich hin und träumte von warmen Tagen. Irgendwann bekam ich beim Hochschauen mit, dass eine Fähre an den Anleger kam. „To Sfakia?“ „Yes, it came from Roumeli!”,sagte der Wirt. “Hurry up! The frappé is on the house!” Als ich meine dicke Jacke anhatte, ließ die Fähre nur kurz die Klappe herunter und ein Mann sprang vom Bord. Sofort ging die Klappe wieder hoch, die Fähre setzte zurück und ich mich wieder hin.

„Hast du keine Zeit?“, fragten die Deutschen vom Nebentisch. Doch, die hatte ich. Schon kam die Sonne kurz durch die Wolken. Ich zog die Jacke wieder aus und begann Karten zu schreiben. Mal gucken, wie lange die nach Deutschland brauchen. Ich bestellte einen frischen Orangensaft, er schmeckte süß und lecker. Zehn Minuten später regnete es wieder. Wanderer kamen vorbei, lächelten unsicher zu uns hoch, und ich freute mich aufs Mittagessen. Ich verließ das Notos, beendete meinen Rundgang, machte Fotos und kam zurück zum Anleger, wo die junge Frau mich natürlich wiedererkannte und nur bedauernd die Arme hob. Wenigstens hatte sie ein nettes Lächeln für mich. Auf dem Hinweg war mir schon das Blue House aufgefallen. Gut, dass ich meine dicke grüne Jacke mit hatte und meine schwarze warme Kappe. Im Dauerregen „fröstelte“ mich leicht, doch neben mir nahmen Leute in dünner Jacke oder gar T-Shirt ihr Mittagessen ein. Ich bestellte Papoutsakia und Zaziki. Es schmeckte sehr gut, mir wurde wärmer, ein kleiner Raki half mir noch etwas weiter.

Als der Regen mal kurz aufhörte, zahlte ich und ging 20 Meter weiter ins Cafe Daskalojannis. Sollte ich ins Internet gehen und nach besserem Wetter schauen? Alle Plätze an den Rechnern waren besetzt. Der Kontakt zur Außenwelt war wohl in Loutro doch sehr wichtig. Wurde ein Platz frei, war er schnell wieder besetzt, denn auf meinem Rundgang waren mir doch einige deutsche Urlauber aufgefallen.

 

Ich bestellte einen Espresso und einen Regenraki gleich dazu, las meinen Krimi von Ake Edwardson weiter mit dem bezeichnenden Titel „Der letzte Winter“ und schaute hin und wieder hoch. Wanderer kamen vorbei, einige gingen ganz vorsichtig, denn der Steinboden der Promenade war nass und leichtrutschig. Zwei von ihnen machten Halt, setzten sich zu mir unters Vordach des Daskalojannis und schmunzelten mit mir über Wanderer mit Regencapes. Der Wirt des Cafes schob mit dem Besen die Wasserpfützen vom Weg und murmelte immer vor sich hin: „Poli nero, poli nero!“

Drinnen waren die wenigen Plätze besetzt. Gut, dass ich meine dicke Jacke anhatte, aber das schrieb ich ja bereits. Ich schaffte viel von meinem Buch. Viertel vor sechs kam die nette Dame vom Ticketschalter vorbei, lächelte mir zu und öffnete ihren Laden. Sie verkaufte ein Ticket, bis leicht verspätet die Abendfähre aus Agia Roumeli eintraf. Viele Wanderer aus der Samaria-Schlucht waren heute nicht an Bord.

In leichter Dunkelheit legte das Schiff nach etwa 20 Minuten in Sfakia an, wo schon wieder Leute warteten, die noch spät nach Loutrò wollten. Ich wollte nur noch eine heiße Dusche, ein gutes Essen im Lefka Ori und dann ab ins Bett. Aber ich nahm mir beim Einschlafen vor, bei besserem Wetter zurückzukehren an diesen einzigartigen Ort im Süden Kretas, denn trotz des Regens hatten mich seine Ruhe und sein Frieden sehr beeindruckt.