Nie zu den Sporaden

Nach den guten Erfahrungen mit einer Schiffreise zu den Ionischen Inseln brechen wir zwei Jahre später mit Sohn und Freund von Sohn auf nach Thessaloniki und dann nach Neo Marmaras auf Sithonia und besteigen die Zeus oder ein ähnliches Schiff. Der Kapitän, nennen wir ihn Jannis, etwa 25, höchstens 30 Jahre alt, fährt um die Spitze von Sithonia herum bis fast hoch nach Amouliani und dann an Athos entlang. Wir wollen Klöster gucken. Großes Staunen an Deck. Tolle Klöster. Alle sind begeistert. Alle? Nein, nicht alle. Die Jungs verziehen sich mit ihrem Gameboy in den Schatten unter die Markise. „Klöster sind langweilig. Wir wollen auf ne Insel.“ Am Nachmittag fahren wir aufs offene Meer hinaus, Richtung Alonissos. Das Schiff schwankt, die Wellen werden höher. Der Kapitän dreht nach etwa fünf Kilometern um. „Es ist zu hohe See. Morgen ist besseres Wetter. Dann geht’s los. Avrio, avrio!“ Der Koch lächelt sybillinisch.Wir hätten es wissen müssen. Das Schiff ankert vor Ouranopolis. Wir werden ausgeschifft mit einer kleinen Barkasse. Natürlich kennen wir Ouranopolis. Klein, überschaubar, griechisch-orthodox mit ebensolcher Küche. Scherz. Am Morgen der zweite Versuch Richtung Alonissos. Wir gucken in den Führer, freuen uns auf Skopelos, die Jungs auf Skiathos. Das Schiff fährt an Amouliani vorbei nach Norden und dann die Ostküste von Sithonia hinunter an Vourvourou vorbei. Wir bewundern Karidi Beach vom Meer aus. Auch mal ganz schön. Unser Koch, nennen wir ihn Kostas, lächelt: „The weather will be better in the afternoon.“ Diesmal grinsen wir. Die Jungs lesen. Stephen King – wieder ein übersehener Hinweis. Wir fahren um die Südspitze und dann die Westküste hoch. „This is not the way to the sporades!” Unruhe macht sich breit. „Nein, wir zeigen Ihnen den wunderschönen Naturhafen von Porto Koufo!“ Als Sithonia Erfahrene kennen wir den ruhigen Hafen mit seinen Fischrestaurants und dem „mickrigen“ Sandstrand. Die Jungs finden das Baden toll, wir genießen abends den leckeren Oktopus. Der Wirt freut sich. “You come by ship this year? Where will you go?” Wir: „Zu denSporaden!“ - die Jungs: „Home!“

Schönes Wetter am Morgen, Sonnenschein, ruhige See, zum Frühstück „Eggs! More Eggs?“ Der Koch hat gute Laune. Endlich Richtung Alonissos – etwa fünf oder zehn Kilometer. Das Schiff schwankt, das Wetter ist gut. Ein Gerücht geht herum, es soll Sturm geben. „Better, we go back to Sikia!” Wir ankern nachmittags in einer Bucht und werden mit einem kleinen Kaiki ausgeboardet. Am Strand ist nichts los, das einzige Restaurant fast überfordert mit den Bestellungen von 12 Schiffsreisenden. Warum ankern wir nicht vor Sarti oder Vourvourou? Keiner von der Crew ist mit. Na ja, morgen geht’s bestimmt los. Aber wie viele Sporaden bleiben uns jetzt noch? Die Jungs verdrehen die Augen. Am nächsten Morgen Krisensitzung. Der Kapitän will unbedingt aufs offene Meer. Die „Reederei“ und die Wettervorhersage sagen „Ochi“. Wohin soll’s gehen? Überraschung. Wir fahren die Westküste von Sithonia hoch. Wir unken: „In Marmaras ist die Reise zuende. Wir ziehen in ein Hotel!“ Es geht an Marmaras vorbei und wir erleben – ein Wunder – den Anleger von Nikiti. In früheren Jahren sind wir viele Jahre auf dem Landweg mit dem Wagen in Nikiti angekommen, nun vom Meer aus. Auch ganz schön. Der Kapitän hat Mühe mit dem Anlegen, obwohl nur ein größeres Fischereischiff dort liegt. Ich frage den Koch. „It’s his first trip!“ Was? Wir glauben es nicht. „Dhen katalaveno.“ „Seine erste Alleinfahrt.“ Alles klar. Wir beenden in Gedanken unsere Sporaden-Tournee abends bei Retsina, Souflakia und Patates in Georgios’ Restaurant am Hafen und versenken sie später bei reichlich Ouzo auf dem Schiff ein zweites Mal.

Die Siebentagereise ist natürlich nicht vorbei. Wir lernen noch die Ostküste von Kassandra kennen– vom Meer aus – und wollen vor Pefkohori ankern. Klappt irgendwie nicht, also wieder hinüber nach Toroni und wir enden – kein Scherz – erneut am Anleger von Nikiti. Wir mieten ein Auto und fahren weg vom Schiff nach Vourvourou, baden und genießen den Tag. Unser Sohn hat nämlich Geburtstag. Überraschung, abends gibt’s Torte. Wir versöhnen uns mit der Crew. Wir trinken – viel - , lachen und lästern – sehr viel – und glauben, das ist unsere griechische Prüfung. Chaos – ein Wort aus dem Griechischen. Wir haben nie die Sporaden kennen gelernt. Als wir viele Jahre später mal von Pefki auf Euböa nach Skopelos übersetzen wollen, fährt gerade an dem ausgesuchten Tag das Boot nicht. Wir kennen nun fast alle Häfen und Landemöglichkeiten rund um Sithonia. Von der Erstattung entgangener Urlaubsfreuden gehen wir später in Deutschland beim Griechen in großer Runde essen. Die Reiseroute zu den Sporaden gibt es seit unserer Fahrt im Jahr 2003 so nicht mehr. Der Kapitän fährt weiter zur See. Wenn wir heute irgendwo in Griechenland spät abends Geburtstagsrunden mit Sahnetorte und Sekt sehen, wissen wir, diese Menschen werden überall hin kommen, jedoch nie zu den Sporaden.

2003